Migration und Kriminalität: Vorsicht vor voreiligen Schlüssen
Neue Statistiken zeigen, dass Migranten in Deutschland häufiger Straftaten begehen als der Rest der Bevölkerung. Experten warnen jedoch davor, daraus zu einfache Schlussfolgerungen zu ziehen.
Ist Deutschland sicherer geworden? Ein flüchtiger Blick auf die aktuellen polizeilichen Kriminalstatistiken könnte diesen Eindruck erwecken. Die Anzahl der registrierten Straftaten ist nämlich um 2 Prozent im Jahr 2024 gesunken, insgesamt registrierte die Polizei 5,84 Millionen Fälle.
Bei einer genaueren Analyse der Zahlen kommen jedoch Zweifel auf, ob sich die Situation tatsächlich verbessert hat.
Weniger Ordnungswidrigkeiten dank der Legalisierung von Marihuana
Die Antwort lautet: Nein. Der Hauptgrund für den Rückgang ist die Legalisierung des Besitzes und Anbaus von Cannabis für den privaten Gebrauch. Dies wurde von der Innenministerin Nancy Faeser und dem Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, bei der Vorstellung der neuesten Kriminalitätsdaten betont.
Beide waren besonders besorgt über einen Anstieg der Gewaltverbrechen um 2 Prozent auf über 217.000 Fälle. Darunter waren fast 18.000 Messerangriffe. Wenn diese in der Öffentlichkeit stattfinden und der Täter keinen deutschen Pass hat, entfacht in Deutschland jedes Mal eine politische Debatte. Häufig stellt sich die Frage, ob mehr Migration zu mehr Kriminalität führt.
Münch: "Es geht nicht um die Herkunft"
Beim Betrachten der Statistiken fällt auf, dass ausländische Verdächtige im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung deutlich häufiger vertreten sind. Dies betrifft sowohl Gewaltverbrechen wie Mord oder Vergewaltigung als auch Straßenkriminalität, die von Taschendiebstahl bis Drogenhandel reicht. In diesem Zusammenhang betont der BKA-Chef Holger Münch, dass es nicht um die Herkunft geht, sondern um die Konzentration von Risikofaktoren.
Es geht etwa um die Lebensumstände von Geflüchteten, die oft sehr schwierig sind. Sie müssen in Massenunterkünften leben und dürfen nicht arbeiten. Münch nennt wesentliche Ursachen für die höhere Kriminalitätsrate unter Ausländern. - Das ist psychischer Stress. Migranten erleben häufiger Gewalt, insbesondere in der Kindheit. Sie haben auch eine positivere Einstellung zu Gewalt - sagt er.
Faeser: "Wir müssen darüber sprechen, ohne Ressentiments zu schüren"
Innenministerin Nancy Faeser ist sich bewusst, wie emotional und populistisch die Debatte über Migrantenkriminalität oft ist. - Wir müssen darüber sprechen, ohne Scheu. Aber ich betone es noch einmal, ohne Ressentiments zu schüren - sagte sie. In diesem Zusammenhang erwähnt sie auch die schwierige Lage vieler Flüchtlinge, denen Schlepper ein falsches Bild von Deutschland vermittelt haben.
Faeser ermutigte die Medien, häufiger darüber zu berichten, dass Flüchtlinge oft mehrere Jahre in Zelten mit Fremden verbringen müssen. Die Innenministerin hofft, dass dies die Motivation einiger Menschen verringert, nach Deutschland zu gelangen.
Irreführender Begriff: "Ausländerkriminalität"
Aus wissenschaftlicher Sicht ist seit langem bekannt, dass der Begriff "Ausländerkriminalität" potenziell irreführend ist und Vorurteile verstärken kann. Susann Prätor von der Polizeiakademie Niedersachsen forscht seit Jahren zu Migration und Kriminalität. Ihre Erkenntnisse stellte sie auf einer Pressekonferenz des Mediendienstes Integration einige Tage vor der Veröffentlichung der polizeilichen Kriminalstatistiken vor.
Ihre Aussagen stimmten mit dem überein, was die Innenministerin und der Kriminalpolizeichef über den hohen Anteil von Ausländern unter den Verdächtigen gesagt hatten. - Letztendlich geht es nicht um die Nationalität oder Herkunft, sondern um die Bedingungen, unter denen Menschen in Deutschland leben - betonte sie.
Ursachen: Armut, schlechte Bildung, Gewalt
Susann Prätor ist von Beruf Soziologin, Psychologin und Juristin. Ihr Blickwinkel ist daher breit, und sie nennt die Ursachen von Kriminalität unabhängig von Pass und Herkunft: Armut, schlechte Bildung, schlechtere finanzielle Lage, Leben in unsicheren Bedingungen, Gewalt durch die Eltern. Allerdings sagt die Forscherin auch: "Ein bestimmtes Männlichkeitsbild ist in manchen Gruppen, die einen anderen als deutschen Hintergrund haben, ausgeprägter".
Die Expertin weist auch auf eine andere mögliche Erklärung für die statistisch signifikant höhere Zahl von ausländischen Verdächtigen hin: das Verhalten der Opfer und Zeugen. - Es wurde empirisch in Studien nachgewiesen, dass Personen, die als Ausländer wahrgenommen werden, häufiger angezeigt werden als Personen, die als Deutsche wahrgenommen werden - sagt sie. Prätor vermutet, dass Aussehen oder Sprache darauf Einfluss haben.
Nicht alle Ausländer über einen Kamm scheren
Die Forscherin hält es auch für problematisch, dass eine sehr heterogene Gruppe als Einheit behandelt wird, wenn es um die sogenannte Ausländerkriminalität geht. Ein Migrant aus den USA, ein traumatisierter Kriegsflüchtling aus Syrien, ein Türke, der vor mehreren Jahrzehnten nach Deutschland kam, ein Tourist und auch ein Ausländer, der hierherkam, um ein Verbrechen zu begehen und dann wieder Deutschland verließ. All diese werden mit Personen, die einen deutschen Pass besitzen, verglichen.
Um dieses verzerrte Bild zumindest ein wenig zu korrigieren, werden die Daten in den jährlich veröffentlichten polizeilichen Kriminalstatistiken inzwischen differenzierter dargestellt. Dazu gehört der Hinweis, dass der Anteil der Männer und der jüngeren Personen unter der nicht-deutschen Bevölkerung höher ist - allein dies sollte zu einer höheren Kriminalitätsrate führen. Das liegt daran, dass Männer und junge Menschen im Allgemeinen - unabhängig von ihrer Herkunft - häufiger straffällig werden.
Die Polizei weist auch darauf hin, dass es Straftaten gibt, die naturgemäß nur von Ausländern begangen werden können: vor allem Delikte gegen das Asyl- und Aufenthaltsrecht.
Lesen Sie auch: